Die Piratenbraut oder: Ich sehe was

 

a„Ligi, ich zeige es dir so oft, bis du es siehst“, sagte das Leben wieder einmal zu mir. Dieses Mal bei einem Kontrolltermin, den ich kurz davor fast noch abgesagt hätte – ich ahnte, dass ich was hören sollte, was ich nicht hören wollte… Moment. Was. Ist. Das. Meine Ärztin meint ein Loch auf der Netzhaut in meinem linken Auge. Was genau Sie erklärt, kommt nicht mehr bei mir an. Ihre Worte werden zu Vokabeln: Nüchtern. Klinik. OP. Ihre Diagnose zum unangemeldeten Test. Bitte was? Darauf war ich nicht vorbereitet und stehe unter Schock. Fünf Minuten, höre ich mich sagen. Ich brauche fünf Minuten. Nach einem Glas Wasser sitze ich im Taxi unterwegs in die Charité. Den Tag darauf wurde ich schon operiert. Das war im November.

Jetzt heile ich. Meinem Schutz, meinen Ärzten und Schwestern bin ich sehr dankbar. Besonders meiner kleinen Schwester, die bis kurz vor der Narkose meine Hand gehalten hat. So warm und fest, dass ich ruhig atmen konnte. Fast angstfrei. Ganz anders als am Tag davor. Voller Liebe, ich konnte spüren, dass alles gut wird und freute mich auf unser Wiedersehen.

Zurück im Aufwachraum hielt sie noch immer meine Hand, als ich mich weigerte aufzuwachen – ich wollte nur zurück in meinen wunderschönen Traum, aus dem ich so plötzlich herausgerissen wurde. Inzwischen kann ich mich gar nicht mehr an ihn erinnern. Als sie mich am nächsten Tag mit meinem Neffen besuchte, hatte der Kleine eine Piratenbinde auf einem Auge. Bis zu viermal täglich salbte sie mir in den ersten Wochen meine Wunde, weil ich mich nicht traute, in den Spiegel zu schauen. Die Augenkompresse – ja, die trug zwar ich. Doch von uns beiden war eindeutig sie die Piratenbraut.

Meine Augen-OP passierte übrigens fast genau fünf Jahre nach einem Kieferbruch. Damals schickte mir mein Leben ebenfalls eine Botschaft. Die habe ich damals nur nicht sehen wollen. Das sehe ich jetzt. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

 

 

 

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Weil der Falsche auch der Richtige war

ballonsVor wenigen Tagen habe ich einen Vorschuss an die Kosteneinziehungsstelle der Justiz überwiesen, weil „der Fortgang des Verfahrens aufgrund Gesetzes bzw. aufgrund Entscheidung des Gerichts von der Bezahlung eines Vorschusses in Höhe von …€ abhängig“ ist.

Dieser Satz stand in dem Brief vom Amtsgericht an mich, adressiert an meinen Anwalt. Verstanden habe ich in etwa: Natürlich können Sie sich scheiden lassen, doch wir sagen Ihnen gleich, das wird teuer. Am besten Sie fangen schon mal an zu bezahlen, sonst gibt es keine Scheidung…

Seitdem mache ich mir Gedanken übers Bezahlen. Was die eigentliche Summe betrifft, wird meine Scheidung meine bisher teuerste Ausgabe sein. Noch nie habe ich mir etwas geleistet oder angeschafft, was soviel kostet. Also materiell betrachtet.

Mit dem Universum habe ich mich darauf geeinigt, diese Kosten dankbar als Investition in meine Zukunft anzunehmen. So kann der Gegenwert meiner Traumreise irgendwann zu mir zurückkommen.

Dafür reise ich für den Moment manchmal in die Vergangenheit. Und räume auf. In dem Jahr, als ich Ja gesagt habe, als die Antwort hätte Nein lauten müssen. Oder zumindest: Ich weiß es nicht…

Seit meiner Trennung werden diese Trips immer kürzer. Und ich komme wieder an. Hier. Jetzt. Bei mir. Ein wirklich schöner Ort. Vielleicht habe ich ja den Falschen geheiratet, um mich vom Richtigen scheiden zu lassen.