Ihr dĂĽrft mir gratulieren

Meine Schwester sagt, sie hat in der Kita Bescheid gegeben, dass ich Leo abhole. „Ja. Tante Ligi kommt. Ja. Bei ihr darf ich machen, was ich will“, freute sich mein Neffe – erzählt mir meine Schwester weiter und lacht mich aus.

Toll, jetzt weiĂź die Kita also auch, dass ich bei meinem Neffen die Autorität eines PlĂĽschpandas besitze. Muss mir das was ausmachen? Sicher nicht mehr, als damals, als ich unter der Dusche stand und Leo ins Bad kam … breaking news in der Kita.

Überhaupt, dürften Leos Kollegen mittlerweile so ziemlich alles über mich wissen, mehr als Facebook, Twitter und alle sozialen Netzwerke zusammen. Nicht nur, weil mein Neffe ein toller Beobachter und Geschichtenerzähler ist. Nein, die Kiddies tratschen halt gern.

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Wenn ich nicht gerade heirate, spiele ich Lego mit Leo

Ich habe drei Jahre in der Show gearbeitet, mit Klatsch kenne ich mich aus. Mein Neffe hält locker dagegen.

„Tante Ligi, hast du wieder geheiratet?“, fragte Leo mich letztens. Yep. Das denkt mein Neffe also, was ich tue, wenn wir uns mal zwei Wochen nicht sehen.

Ich freue mich schon auf die ersten Gratulanten in der Kita.

 

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Das -g in Ligia

Meine Geschwister und ich kurz vor der Ausreise aus Rumänien
Meine Geschwister und ich kurz vor der Ausreise aus Rumänien

Ich weiß noch genau, wie sehr ich mich auf Deutschland freute – mit acht Jahren kam ich mit meiner Familie aus Rumänien hierher. Bis dahin kannte ich die Heimat meiner Familie mütterlicherseits nur aus Päckchen. Ich stellte mir vor, hier wäre alles wie Nimm2 und Nutella und ich würde endlich eine richtige Jeans bekommen.

Am meisten fieberte ich einem Wiedersehen mit meiner Oma Hilda entgegen. Bei ihr wuchs ich auf, bis sie – zwei Jahre vor uns – ĂĽbersiedelte. Hilda ist eine typische SiebenbĂĽrgensächsin, die bis heute an den alten Traditionen festhält. Meine Mutter ist halb SiebenbĂĽrgensächsin, halb Ungarin. Mein Opa war ein stolzer Ungar. Er weigerte sich beispielsweise Zeit seines Lebens Rumänisch zu sprechen – meine Oma lernte aus Liebe zu ihm Ungarisch. Mein Vater ist Rumäne.

Bei uns zuhause wurde ein Kauderwelsch aus Siebenbürgensächsisch, Ungarisch, Rumänisch und Deutsch gesprochen. Das änderte sich auch nicht, als wir in Heilbronn in Nordwürttemberg lebten, nachdem wir wie die meisten Spätaussiedler nach Deutschland eingekauft wurden – Ceausescu bekam bis zu 5000DM für jeden von uns.

Es fiel mir nicht schwer, Rumänien zu verlassen. In Heilbronn merkte ich jedoch schnell, dass ich nicht dazugehörte. Die anderen Kinder starrten mich an, fanden, dass ich seltsam angezogen war, komisch sprach, einen altmodischen Schulranzen und ein unmögliches „Schlampermäppchen“ hatte.

Zwar sprach ich schon Deutsch, aber ich hatte diesen sehr eigenen siebenbürgischen Spätaussiedlerakzent, den meine Oma, Tante und Mutter nie abgelegt haben. Glücklicherweise, denn heute ist dieser Akzent ein Stück Heimat für mich, damals aber schämte ich mich einfach nur. Von heute auf morgen hörte ich auf, Rumänisch und Siebenbürgensächsisch zu sprechen und ließ mich fortan bei meinem zweiten Vornamen Dana nennen, weil in Schwaben (fast) niemand meinen eigentlichen Vornamen Ligia aussprechen konnte.

Erst viel später – da lebte und studierte ich bereits in Berlin – dämmerte mir, dass ich mir dadurch Teile meiner Wurzeln, ja meiner Identität, abgeschnitten hatte. Durch das Schreiben fand ich zu meinem ursprünglichen Namen zurück. Natürlich hatte ich damals keine bewusste, reflektierte Entscheidung getroffen – ich war ja erst acht Jahre alt. Heute denke ich, dass ich mich mit dieser kindlichen, unbewussten Reaktion vor der Ausgrenzung und Anfeindung der anderen Kinder schützen wollte. Und trotzdem, auch wenn es mir gelang, mich in Heilbronn einzuleben und zu assimilieren, ganz dazugehörig fühlte ich mich nicht. Der schwäbische Dialekt kam mir nie über die Lippen, ohne sich unecht anzufühlen. Also sprach ich ihn nicht – ähnlich wie mein Opa.

Auch wenn Berlin jetzt mein Zuhause ist und ich diese Stadt über alles liebe, kann ich manchmal noch immer meine Entwurzelung spüren. Kleine Lücken, die sich jedoch immer, immer durch die Liebe der Menschen, die ich hier gefunden habe, schließen lassen. Diese Menschen bedeuten heute Heimat für mich. Zusätzlich zu der, die ich letztlich in mir selbst gefunden habe.