Was ist Tanztherapie?

Das werde ich oft gefragt. Zum Abschluss meines ersten Ausbildungsjahres zur Tanztherapeutin und aus meiner bisherigen Erfahrung, antworte ich: Tanztherapie ist ein möglicher Weg zur Heilung. Es gibt auch andere Wege dahin. Nur: Tanzen ist – für mich – der schönste. Das hilft sehr, weil Heilung zwischendurch schmerzhaft sein kann. Dann tut es gut, wenn Bewegung und Leichtigkeit schon da sind und auf einen warten. Oder einen auffangen, wenn man verloren zu sein glaubt, in einer Krise steckt. Das kann ich als Qualität und Energie beim Tanzen und Heilen spüren. Und ich denke, Tanzen hält diese Chance für alle Menschen bereit, die heilen, sich entwickeln, zu sich selbst finden wollen – oder nach Antworten suchen.

In dem Film „Silver Linings“ erholt sich Protagonist Pat durch das Tanztraining mit Tiffany von einem psychischen Zusammenbruch. Erst nachdem er aus der Psychiatrie entlassen wird, heilt er – durch Tanzen. Dabei hilft ihm Tiffany, die das Tanzen als Heilmittel schon für sich entdeckt hat. Natürlich spielt auch die Liebe eine Rolle; ähnlich wie in „Dirty Dancing“, wo Tanzen Baby hilft, erwachsen zu werden und Johnny, seinen Selbstwert zu erkennen. Die Figur Fran aus „Strictly Ballroom“ findet durch das Tanzen, den Mut sich zu zeigen, ihre innere Schönheit nach außen zu tragen. Ihr Partner Scott, zu sich zu stehen – und endlich nach seinen eigenen „Regeln“ zu tanzen.

Tanzen an sich braucht eigentlich keine Regeln. Und das ist das Schöne dran. Tanzen ist frei. Ist Bewegung. Form. Fluss. Rhythmus. Kein Stillstand. Es geht weiter. Veränderung und Entwicklung im Takt der Musik. GefĂĽhle wie Freude, Trauer, Leidenschaft, Zärtlichkeit, Einsamkeit … Positives wie Negatives – alles das kann Tanzen erzählen und offen legen. Tanzen ist Leben, denn Tanzen ist alles, was du bist. Ausdruck deines Selbst. Und alles das ist therapeutisch, also heilsam und hilfreich.

Auch ohne Musik – wie beispielsweise bei der Methode der „Authentischen Tanztherapie“ von Mary Whitehouse. Sie sagt: „Movement, to be experienced, has to be found in the body, not put on like a dress or a coat. There is that in us which has moved from the very beginning. It is that which can liberate us.”

Tanz und Bewegung ist für Menschen befreiend, wenn es aus dem Körper selbst, aus dem Inneren kommt. Also keine Pose ist. Whitehouse stellt eine existenzielle Frage: Inwieweit bewege ich mich selbst und inwieweit werde ich bewegt? Kann ich mich auf meinen Körper einlassen und verlassen? Die Tanztherapeutin sieht im Authentischen Tanz, eine Möglichkeit mit seinem Inneren in Berührung zu kommen. Andere nennen es Unbewusstes, wieder andere Seele. Whitehouse hat in ihrer Methode an C. G. Jung angeknüpft. Der Tanz wird auf das Leben übertragen: Wann ist es Improvisation, wann Choreografie? Wann führe ich, wann lasse ich mich lieber führen? Wer übernimmt die Führung? Und woher nehme ich das Vertrauen, mich darauf einzulassen?

In der Tanztherapie lernt man: Atmen ist der basalste Rhythmus. Wie bei einer Amöbe. Natürlich kann ich meinen Atem bewusst steuern, was in der Meditation oder in Stresssituationen ratsam ist: Konzentration auf sich und dem Sein. Nur im alltäglichen Leben macht das wenig Sinn. Da ist es schon besser, dass wir 24/7 beatmet werden.

Atmen bewegt mich. Ich kann meinen Atem also als Tanz sehen, dessen Führung offensichtlich jemand anderes übernimmt. Wenn ich mich auf diesen Tanz einlasse, schaffe ich es auch, Zuversicht zu schenken, dass eine wunderschöne Impro auf mich wartet. Und ich lasse mich darauf ein, ob gerade ein Solo, ein Duett oder ein Gruppentanz gespielt wird. Selbstverständlich gibt es auch Zeiten, in denen Menschen ausrutschen, stolpern oder hinfallen. Doch mit den Mitteln der Tanztherapie kann genau das wunderbar in das Leben integriert werden, wenn ich den Anweisungen meines inneren Choreografen folge.

„Jeder Mensch ist ein Tänzer“, sagt auch Rudolf von Laban. Mit dieser Vorgabe lässt sich ebenfalls tanztherapeutisch arbeiten. Die Art der Bewegung eines Menschen lässt sich deuten, auch Verborgenes, das dem Tanzenden selbst vielleicht gar nicht bewusst ist. Laban sagt, dass „Menschen, die sich geschmeidig und fließend bewegen, offener werden als diejenigen, die körperlich verkrampft und in sich selbst verstrickt sind.“ Er sieht Tanz als Mittel zur Verbesserung der Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen mit Blick auf die Verbindung von Seele und Körper. Laban definierte als therapeutisches Ziel des Tanzens dem „Menschen zu helfen, seine körperliche Beziehung zum ganzen Dasein zu finden“.

„The one thing that can solve most of our problems is dancing“ – im Sinne von Laban, Whitehouse und anderen tanztherapeutischen Lehrern und ihrer Methoden lässt sich dieses Zitat von James Brown ganzheitlich verstehen: Tanzen stellt eine Beziehung zu unserem Körper und unseren Gefühlen her. Zu anderen Menschen. Es vertieft unsere Sinneseindrücke und unser Erleben. Tanzen schult unseren kreativen Ausdruck. Tanzen ist gesund, es stärkt den Körper und trainiert das Gehirn; beispielsweise bestimmte Hirnregionen, die Demenzerkrankungen vorbeugen können (dazu gibt es wissenschaftliche Studien). Tanzen stärkt das Selbstbewusstsein und das Bewusstsein. „Tanzen ist die verborgene Sprache der Seele“, fasste es auch die Tänzerin und Choreografin Martha Graham einmal zusammen. Und Kollegin Pina Bausch brachte diesen Gedanken zu Ende und sagte, dass wir ohne Tanz verloren seien.

Für mich macht das Sinn – unabhängig von verschiedenen Tanzstilen oder Methoden der Tanztherapie: Wenn ich tanze, merke ich, dass (und wie) sich etwas in mir tut, sich zeigt, in Bewegung kommt und verändert. Ich habe die Möglichkeit, mir Impulse und Gefühle zu erlauben, die ich in meinem Alltag vielleicht unterdrücke oder nicht ausleben kann.

Ich darf – ob bewusst oder nicht – nach innen spüren, Kontakt mit meinem inneren Antrieb, mit meiner Kraftquelle aufnehmen und Bewegungen folgen, die sich daraus ergeben. Ob ruhiger oder wilder Rhythmus, Tanz kann einer Meditation ähneln, eine sein. Danach fühle ich mich freier, glücklicher, entspannter. Ich kann Energie loswerden und Energie aufnehmen. Tanz entfaltet Potenzial.

Aktuelle Erfahrungen sammele ich momentan, neben meiner tanztherapeutischen Ausbildung, hauptsächlich im Bauchtanz und im African Dance. Für mich haben beide Tanzstile stark therapeutische Qualitäten. Ich tanze African Dance, weil es mich erdet. Und Belly Dance, weil es mich verbindet. Mit mir selbst. Mit anderen. Der Welt … dem Universum … ganz, ganz große Kinesphäre. Diese Tänze öffneten mir, neben allem anderen, auch eine klare Sicht auf Mann-Frau, Weiblichkeit-Männlichkeit, Yin-Yang … wie man es benennen mag. Es hat mich zum Beispiel gelehrt, dass jede Frau, die mit Füßen stampft, Hüften wiegt und Shimmys schwingt, gar nicht anders kann: Irgendwann öffnet sie den Zugang zu sich selbst … zu ihrem Körper … ihren Gefühlen … ihrem Herz … ihrer Seele … zu Achtsamkeit, Bewusstheit und Bewusstsein. Es hat mir geholfen, Themen zu erkennen, sie zu bearbeiten und aufzulösen. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich auf meinen Bauch höre, bin ich in meiner Mitte. Bin angebunden an intuitivem Wissen, Liebe, Leben, Freude, Heilung, Frieden, Weisheit, Leichtigkeit … und ganz viel Vertrauen. Nicht umsonst ist der Bauch rund, hat keinen Anfang und kein Ende.

„Veränderungen in einem Teil, verändern das Ganze“, sagte Irmgard Bartenieff. Denn: „Der ganze Körper ist verbunden. Alle Teile stehen in Beziehung zueinander.“ Diese Veränderung beschränkt sich meiner Erfahrung nach, nicht allein auf den Tanzenden oder die Tanzende, sondern weitet sich aus. Berührt und wirkt auch auf alle, mit denen ich in Beziehung stehe. Und deshalb ist Tanzen bzw. Tanztherapie ein so starkes Heilmittel.

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„Every time I dance …

… I turn into a better version of me.“ Seit zwei Jahren tanze ich wieder intensiv – inzwischen bis zu dreimal die Woche und in Workshops, hauptsächlich orientalischen Bauchtanz und Tribal Fusion Bellydance. Davor hatte ich eine Pause; inzwischen weiĂź ich, dass ich in dieser Zeit in einer Krise steckte. Das Tanzen hat mir geholfen, aus ihr herauszufinden. Inzwischen weiĂź ich auch, dass Tanzen mein Heilmittel ist. Eigentlich mehr als das, es gehört zu mir wie Atmen, FĂĽhlen oder Denken.

Mit drei Jahren habe ich mit meinem Opa getanzt: Csárdás. Er hat mir diesen ungarischen Volkstanz beigebracht. „Ich mache eine Tänzerin aus dir“, hatte er mir versprochen. Dann ist er gestorben. Und ich war so klein, dass ich mich kaum noch an meinen ersten Tanzpartner erinnern kann. Mein Körper aber hat das nicht vergessen und erinnert sich sehr gut. Ich tanze nämlich schon mein Leben lang – bis auf die Unterbrechung als ich in einer unglücklichen Ehe steckte. Dann habe ich einen neuen Rhythmus gefunden.

So glĂĽcklich verschwitzt sehe ich nach dem Tanztraining aus

Tanzen bedeutet für mich im Moment zu sein. Es hilft mir, ganz bei mir zu sein. An nichts anderes zu denken, es setzt Energien frei, reinigt, erhebt mich und macht mich einfach sehr, sehr glücklich. Auch habe ich erkannt, das Tanzen heilen kann, weil es mich geheilt hat – und immer wieder heilt. Tanzen öffnet Kanäle und neue Wege.

Mein Weg hat mich dazu gebracht, die Worte „Tanztherapeutin“ und „Weiterbildung“ bei Google einzugeben – und dann zu einem Info-Abend ins Tanztherapie Zentrum Berlin.
 Auf energetischer Ebene habe ich ziemlich schnell gemerkt: Hier bin ich richtig. Denn meine berufliche Veränderung konnte ich schon länger spüren, jetzt kann ich sie benennen.

Ein Impuls, das wurde mir nach dem Abend klar, war der Moment als meine Oma in Kurzzeitpflege kam und ich in dem Seniorenheim einen Aushang mit einem Tanzangebot für die Bewohner las. „Warum gebe ich nicht so einen Kurs?“, dachte ich.
 Beim Info-Abend dann, als die Frage aufkam, wie Tanztherapie sich in unseren jetzigen Beruf einbinden lässt, hatte ich sofort die Idee, Kurse für Journalisten, Medienschaffende und Kreative anzubieten. Ich finde es unnatürlich, dass die meisten dieser Jobs im 8-Stunden-Rhythmus vor dem Rechner stattfinden. Dass dabei die Kreativität irgendwann blockiert, wundert mich nicht.

Mein bisheriger beruflicher Weg war immer voller Zeichen, dass ich irgendwann auch tänzerisch arbeiten werde: Mein Blog heißt „Die kleine Tudor tanzt durchs Leben“. Davor hatte ich eine Webseite, die „Primatexterina“ hieß, weil ich finde, dass sich ein guter Text durch Rhythmus auszeichnet. Erst wenn die Worte tanzen dürfen, fließt auch der Text. Eine meiner Filmideen, die ich für einen Drehbuchkurs entwickelt habe, ist ein Tanzfilm mit dem Titel: „Tanztee“. Darin geht es um einen überzeugten Nichttänzer, der aus Liebe zu seiner Frau, einer Tänzerin, doch tanzen lernt. Sie erkrankt sehr jung an Alzheimer – und das Tanzen ermöglicht es ihm letztlich, mit ihr in Kontakt zu bleiben, auch nachdem sie sich nicht mehr an ihn erinnern kann (das war lange vor „Alice“ :)).

Tänzerin bin ich schon (wenn auch keine professionelle), jetzt möchte ich Tanztherapeutin werden und die Heilkraft des Tanzes an Menschen weitergeben: „Wo immer die Tanzende mit dem FuĂź auftritt, da entspringt dem Staub ein Quell des Lebens“ (Rumi) – ich kann fĂĽhlen, dass ich im Rhythmus bin…Danke, liebes Universum <3.

Aus dem Motivationsschreiben zu meiner zweijährigen berufsbegleitenden Ausbildung als Tanztherapeutin.