Tanzen ohne Musik

„Movement, to be experienced, has to be found in the body, not put on like a dress or a coat. There is that in us which has moved from the very beginning. It is that which can liberate us.” (Mary Starks Whitehouse)

Menschen tanzen immer. Auch ohne Musik. Weil Tanz und Bewegung befreiend sein kann, wenn es aus dem Körper, aus dem Inneren kommt. Das, was ich an mir selbst schon erfahren habe und immer wieder erfahren darf, bekommt in meiner Ausbildung zur Tanztherapeutin ein theoretisches Fundament.

Seit der letzten Klasse denke ich über Authentische Bewegung nach, der Methode von Mary Whitehouse. Inwieweit bewege ich mich selbst und inwieweit werde ich bewegt? Kann ich mich auf meinen Köper einlassen und verlassen?

Die Erfinderin selbst sieht im Authentischen Tanz, eine Möglichkeit mit seinem Inneren in Berührung zu kommen. Andere nennen es Unbewusstes, wieder andere Seele. Whitehouse hat in ihrer Methode jedenfalls an C. G. Jung angeknüpft.

Im Tanz stellt sich die Frage wie im Leben: Wann ist es Improvisation, wann Choreografie? Wann führe ich, wann lasse ich mich lieber führen? Wer übernimmt die Führung? Und woher nehme ich das Vertrauen, mich darauf einzulassen?

Eine Hilfe: Durch Atmen. Atem ist der basalste Rhythmus. Natürlich kann ich meinen Atem bewusst steuern, was in der Meditation oder in Stresssituationen ratsam ist. Nur im alltäglichen Leben macht das wenig Sinn. Da ist es schon besser, dass wir 24/7 beatmet werden.

Atmen bewegt mich. Ich kann meinen Atem also als Tanz sehen, dessen Führung offensichtlich jemand anderes übernimmt. Dann kann ich meinem Leben auch die Zuversicht schenken, dass es eine wunderschöne Impro für mich bereit hält. Und ich lasse mich darauf ein, ob gerade ein Solo, ein Duett oder ein Gruppentanz gespielt wird.

Und: Ja, es gab und gibt auch Zeiten, in denen ich auf Bühne und Parkett ausrutsche, stolpere oder hinfalle. Doch gerade das kann ich wunderbar in die Impro integrieren, wenn ich den Anweisungen meines inneren Choreografen folge.

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Die Piratenbraut oder: Ich sehe was

 

a„Ligi, ich zeige es dir so oft, bis du es siehst“, sagte das Leben wieder einmal zu mir. Dieses Mal bei einem Kontrolltermin, den ich kurz davor fast noch abgesagt hätte – ich ahnte, dass ich was hören sollte, was ich nicht hören wollte… Moment. Was. Ist. Das. Meine Ärztin meint ein Loch auf der Netzhaut in meinem linken Auge. Was genau Sie erklärt, kommt nicht mehr bei mir an. Ihre Worte werden zu Vokabeln: Nüchtern. Klinik. OP. Ihre Diagnose zum unangemeldeten Test. Bitte was? Darauf war ich nicht vorbereitet und stehe unter Schock. Fünf Minuten, höre ich mich sagen. Ich brauche fünf Minuten. Nach einem Glas Wasser sitze ich im Taxi unterwegs in die Charité. Den Tag darauf wurde ich schon operiert. Das war im November.

Jetzt heile ich. Meinem Schutz, meinen Ärzten und Schwestern bin ich sehr dankbar. Besonders meiner kleinen Schwester, die bis kurz vor der Narkose meine Hand gehalten hat. So warm und fest, dass ich ruhig atmen konnte. Fast angstfrei. Ganz anders als am Tag davor. Voller Liebe, ich konnte spüren, dass alles gut wird und freute mich auf unser Wiedersehen.

Zurück im Aufwachraum hielt sie noch immer meine Hand, als ich mich weigerte aufzuwachen – ich wollte nur zurück in meinen wunderschönen Traum, aus dem ich so plötzlich herausgerissen wurde. Inzwischen kann ich mich gar nicht mehr an ihn erinnern. Als sie mich am nächsten Tag mit meinem Neffen besuchte, hatte der Kleine eine Piratenbinde auf einem Auge. Bis zu viermal täglich salbte sie mir in den ersten Wochen meine Wunde, weil ich mich nicht traute, in den Spiegel zu schauen. Die Augenkompresse – ja, die trug zwar ich. Doch von uns beiden war eindeutig sie die Piratenbraut.

Meine Augen-OP passierte übrigens fast genau fünf Jahre nach einem Kieferbruch. Damals schickte mir mein Leben ebenfalls eine Botschaft. Die habe ich damals nur nicht sehen wollen. Das sehe ich jetzt. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

 

 

 

Die Welt gehört in Leos Hände

Wir schaffen es nie, nie, nie unser Eis vorher zu fotografieren
Wir schaffen es nie, nie, nie unser Eis vorher zu fotografieren

„Tante Ligi, die Welt gehört nur sich selber.“ Bäm. Mitten auf der Prenzlauer Allee trifft mich die Weisheit meines Neffen mal wieder wie eine gute Ohrfeige. Mit Nachdruck. Wohl dosiert. Tut nicht weh. Stimmt so. Gleich bin ich k.o. Mein Herz bewegt sich, als Leo einfach so diese Worte spricht, als seien sie selbstverständlich. Nichts besonderes. Die Welt gehört nur sich selber. Mit vier weiß Leo schon alles.

Ich habe ihn aus der Kita geholt und wir sind unterwegs zu mir. Wir wollen kneten (ich habe neue Knete besorgt) und Nudeln mit Tomatensoße kochen (unser beider Lieblingsessen). Eben wollte Leo noch wissen, warum Beton nicht schmeckt. Im Gegensatz zu dem Eis, das wir vorhin gegessen haben. Und dann gibt er plötzlich Dinge von sich, hinter die manche Menschen ein Leben lang nicht kommen …

Herbert Grönemeyer hat wohl lange vor mir einen ähnlichen Moment gehabt. Wahrscheinlich mit einem Kind wie Leo <3.

Mitten im Happy End

rockyBryan Ferry hat kürzlich in einem Interview erzählt, dass Liebeskummer eigentlich immer schlimmer wird. Und dass er gern ewig leben würde. Beides kann ich unterschreiben. Als meine Patentochter vor ein paar Wochen zu Besuch war, haben wir über Jungs geredet aka Liebeskummer. Und es kamen auch Vampire zur Sprache – siehe ewiges Leben.

Meine Nichte ist 17 und gerade frisch verliebt. Ich bin keine 17 mehr und auch verliebt. Doch er meldet sich nicht. Und weil das so ist, habe ich mehr geredet als meine Nichte. Bei ihr ist die Sache klar. Er meldet sich. Regelmäßig. Täglich. Mehrmals. So wie das mit 17 (meistens) ist – und wie ich es irgendwann mit 67 auch noch gerne hätte.

Ja, ich bin unfassbar romantisch, auch wenn man mir das nicht unbedingt anmerkt. Nur, ich glaube sowieso, dass man die meisten Romantiker nicht als solche erkennt. Und damit meine ich nicht die Rosenblüten-Kerzenschein-Gemeinsam-Baden-Romantiker. Obwohl ich gegen gemeinsames Baden per se nichts habe.

Sylvester Stallone ist ein wirklich romantischer Mann. Davon bin ich beispielsweise fest überzeugt. „Rocky“ (1976) ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich kenne. Stallone hat das Drehbuch dazu geschrieben. Als ich das erfahren habe, habe ich mich auf der Stelle rückwirkend in ihn verliebt.

Was meine Nichte jetzt mit 17 erlebt, hatte ich mit 19. Er schrieb Zettelchen, klemmte welche an den Scheibenwischer von meinem Fiat Panda. Auch wenn wir gestritten haben. Er hatte eine süße Art, sich zu melden.

Der Mann, der sich jetzt nicht meldet, schrieb mir auch. Er und ich haben eine gemeinsame Geschichte. Erlebt haben wir immer nur das Ende. Wiederholt. Später, nachdem ich meiner Nichte von uns erzählte, wurde mir das klar. Vielleicht haben wir ja die Mitte und den Anfang ja noch vor uns?

Oder auch nicht. Alles ist gut. Schließlich stecke ich mitten in meinem eigenen Happy End.

 

 

Das -g in Ligia

Meine Geschwister und ich kurz vor der Ausreise aus Rumänien
Meine Geschwister und ich kurz vor der Ausreise aus Rumänien

Ich weiß noch genau, wie sehr ich mich auf Deutschland freute – mit acht Jahren kam ich mit meiner Familie aus Rumänien hierher. Bis dahin kannte ich die Heimat meiner Familie mütterlicherseits nur aus Päckchen. Ich stellte mir vor, hier wäre alles wie Nimm2 und Nutella und ich würde endlich eine richtige Jeans bekommen.

Am meisten fieberte ich einem Wiedersehen mit meiner Oma Hilda entgegen. Bei ihr wuchs ich auf, bis sie – zwei Jahre vor uns – übersiedelte. Hilda ist eine typische Siebenbürgensächsin, die bis heute an den alten Traditionen festhält. Meine Mutter ist halb Siebenbürgensächsin, halb Ungarin. Mein Opa war ein stolzer Ungar. Er weigerte sich beispielsweise Zeit seines Lebens Rumänisch zu sprechen – meine Oma lernte aus Liebe zu ihm Ungarisch. Mein Vater ist Rumäne.

Bei uns zuhause wurde ein Kauderwelsch aus Siebenbürgensächsisch, Ungarisch, Rumänisch und Deutsch gesprochen. Das änderte sich auch nicht, als wir in Heilbronn in Nordwürttemberg lebten, nachdem wir wie die meisten Spätaussiedler nach Deutschland eingekauft wurden – Ceausescu bekam bis zu 5000DM für jeden von uns.

Es fiel mir nicht schwer, Rumänien zu verlassen. In Heilbronn merkte ich jedoch schnell, dass ich nicht dazugehörte. Die anderen Kinder starrten mich an, fanden, dass ich seltsam angezogen war, komisch sprach, einen altmodischen Schulranzen und ein unmögliches „Schlampermäppchen“ hatte.

Zwar sprach ich schon Deutsch, aber ich hatte diesen sehr eigenen siebenbürgischen Spätaussiedlerakzent, den meine Oma, Tante und Mutter nie abgelegt haben. Glücklicherweise, denn heute ist dieser Akzent ein Stück Heimat für mich, damals aber schämte ich mich einfach nur. Von heute auf morgen hörte ich auf, Rumänisch und Siebenbürgensächsisch zu sprechen und ließ mich fortan bei meinem zweiten Vornamen Dana nennen, weil in Schwaben (fast) niemand meinen eigentlichen Vornamen Ligia aussprechen konnte.

Erst viel später – da lebte und studierte ich bereits in Berlin – dämmerte mir, dass ich mir dadurch Teile meiner Wurzeln, ja meiner Identität, abgeschnitten hatte. Durch das Schreiben fand ich zu meinem ursprünglichen Namen zurück. Natürlich hatte ich damals keine bewusste, reflektierte Entscheidung getroffen – ich war ja erst acht Jahre alt. Heute denke ich, dass ich mich mit dieser kindlichen, unbewussten Reaktion vor der Ausgrenzung und Anfeindung der anderen Kinder schützen wollte. Und trotzdem, auch wenn es mir gelang, mich in Heilbronn einzuleben und zu assimilieren, ganz dazugehörig fühlte ich mich nicht. Der schwäbische Dialekt kam mir nie über die Lippen, ohne sich unecht anzufühlen. Also sprach ich ihn nicht – ähnlich wie mein Opa.

Auch wenn Berlin jetzt mein Zuhause ist und ich diese Stadt über alles liebe, kann ich manchmal noch immer meine Entwurzelung spüren. Kleine Lücken, die sich jedoch immer, immer durch die Liebe der Menschen, die ich hier gefunden habe, schließen lassen. Diese Menschen bedeuten heute Heimat für mich. Zusätzlich zu der, die ich letztlich in mir selbst gefunden habe.