Cleopatra oder die Sache mit der Sänfte

Liz Taylor 1963 in „Cleopatra“

Ich bin kurzsichtig. Und war es auch in Beziehungen. Das fing in meiner Pubertät an: Ich schwärmte für N.. Er fand Icherinneremichnichtmehrwiesiehieß toller. Ähnlich wiederholte sich das mit H. Und dann kam F. Ich war sehr verliebt. Doch er fand eine andere Stadt attraktiver als mich. Zog 804 Kilometer weit weg.

Mehr Distanz geht nicht. Dachte ich damals mit Anfang 20. Später machte ich die Erfahrung: Es geht noch mehr. Viel, viel mehr. Und zwar: In der gleichen Stadt, in der gemeinsamen Wohnung, am selben Tisch, in einem Bett. Mit dem falschen Partner. Geht. Das. Alles. Irgendwann habe ich das eingesehen. Cleopatra und Karen Carpenter haben mir dabei geholfen…

I’d surely know your face
When love would cast it’s spell
I’d recognize each curve and line of you
I knew it well
Now at last you’re here and I can tell

Damit ich ihn erkenne, arbeite ich an der Besserung meiner Kurzsichtigkeit. Und übe in Liebesdingen eine neue Haltung. Ich nenne sie: meine innere Cleopatra. Letztens hat G. gefragt: „Muss Mann dich mit einer Sänfte abholen?“

Die Sache ist die: Ich möchte für jemand Besonderen jemand Besonderes sein. Und umgekehrt. In Dauerschleife. Genau das will ich: Auf die Sänfte, fertig, los – wie die alten Ägypterinnen schon sagten.

 

Advertisements

„Every time I dance …

… I turn into a better version of me.“ Seit zwei Jahren tanze ich wieder intensiv – inzwischen bis zu dreimal die Woche und in Workshops, hauptsächlich orientalischen Bauchtanz und Tribal Fusion Bellydance. Davor hatte ich eine Pause; inzwischen weiß ich, dass ich in dieser Zeit in einer Krise steckte. Das Tanzen hat mir geholfen, aus ihr herauszufinden. Inzwischen weiß ich auch, dass Tanzen mein Heilmittel ist. Eigentlich mehr als das, es gehört zu mir wie Atmen, Fühlen oder Denken.

Mit drei Jahren habe ich mit meinem Opa getanzt: Csárdás. Er hat mir diesen ungarischen Volkstanz beigebracht. „Ich mache eine Tänzerin aus dir“, hatte er mir versprochen. Dann ist er gestorben. Und ich war so klein, dass ich mich kaum noch an meinen ersten Tanzpartner erinnern kann. Mein Körper aber hat das nicht vergessen und erinnert sich sehr gut. Ich tanze nämlich schon mein Leben lang – bis auf die Unterbrechung als ich in einer unglücklichen Ehe steckte. Dann habe ich einen neuen Rhythmus gefunden.

So glücklich verschwitzt sehe ich nach dem Tanztraining aus

Tanzen bedeutet für mich im Moment zu sein. Es hilft mir, ganz bei mir zu sein. An nichts anderes zu denken, es setzt Energien frei, reinigt, erhebt mich und macht mich einfach sehr, sehr glücklich. Auch habe ich erkannt, das Tanzen heilen kann, weil es mich geheilt hat – und immer wieder heilt. Tanzen öffnet Kanäle und neue Wege.

Mein Weg hat mich dazu gebracht, die Worte „Tanztherapeutin“ und „Weiterbildung“ bei Google einzugeben – und dann zu einem Info-Abend ins Tanztherapie Zentrum Berlin.
 Auf energetischer Ebene habe ich ziemlich schnell gemerkt: Hier bin ich richtig. Denn meine berufliche Veränderung konnte ich schon länger spüren, jetzt kann ich sie benennen.

Ein Impuls, das wurde mir nach dem Abend klar, war der Moment als meine Oma in Kurzzeitpflege kam und ich in dem Seniorenheim einen Aushang mit einem Tanzangebot für die Bewohner las. „Warum gebe ich nicht so einen Kurs?“, dachte ich.
 Beim Info-Abend dann, als die Frage aufkam, wie Tanztherapie sich in unseren jetzigen Beruf einbinden lässt, hatte ich sofort die Idee, Kurse für Journalisten, Medienschaffende und Kreative anzubieten. Ich finde es unnatürlich, dass die meisten dieser Jobs im 8-Stunden-Rhythmus vor dem Rechner stattfinden. Dass dabei die Kreativität irgendwann blockiert, wundert mich nicht.

Mein bisheriger beruflicher Weg war immer voller Zeichen, dass ich irgendwann auch tänzerisch arbeiten werde: Mein Blog heißt „Die kleine Tudor tanzt durchs Leben“. Davor hatte ich eine Webseite, die „Primatexterina“ hieß, weil ich finde, dass sich ein guter Text durch Rhythmus auszeichnet. Erst wenn die Worte tanzen dürfen, fließt auch der Text. Eine meiner Filmideen, die ich für einen Drehbuchkurs entwickelt habe, ist ein Tanzfilm mit dem Titel: „Tanztee“. Darin geht es um einen überzeugten Nichttänzer, der aus Liebe zu seiner Frau, einer Tänzerin, doch tanzen lernt. Sie erkrankt sehr jung an Alzheimer – und das Tanzen ermöglicht es ihm letztlich, mit ihr in Kontakt zu bleiben, auch nachdem sie sich nicht mehr an ihn erinnern kann (das war lange vor „Alice“ :)).

Tänzerin bin ich schon (wenn auch keine professionelle), jetzt möchte ich Tanztherapeutin werden und die Heilkraft des Tanzes an Menschen weitergeben: „Wo immer die Tanzende mit dem Fuß auftritt, da entspringt dem Staub ein Quell des Lebens“ (Rumi) – ich kann fühlen, dass ich im Rhythmus bin…Danke, liebes Universum <3.

Aus dem Motivationsschreiben zu meiner zweijährigen berufsbegleitenden Ausbildung als Tanztherapeutin. 

 

 

Die drei Affen oder: das Ende der Täuschung

braut
Ja zu mir: Brautkleider habe ich damals zum Spaß anprobiert, die große Hochzeit in Weiß gab es nicht…

„Die Fähigkeit, alleine zu sein entspricht der Fähigkeit, zu lieben. Es mag paradox erscheinen, doch das ist es nicht. Es ist eine grundlegende Wahrheit. Nur jene, die alleine sein können, können lieben, können teilen, können zum tiefsten Kern einer Person durchdringen, ohne sie zu besitzen, ohne abhängig von ihr oder süchtig nach ihr zu werden. Sie erlauben anderen die volle Freiheit, denn sie wissen, wenn sie verlassen werden, sind sie genau so glücklich wie vorher. Ihre Freude kann nicht genommen werden, weil sie nicht von anderen stammt.“ (Osho)

In wenigen Tagen ist der Termin für meine Scheidung. Und ich freue mich. Das findet eine Freundin von mir komisch. Doch ich finde, ich darf mich freuen … Der indische Philosoph, von dem die anfangs zitierten Worte stammen, würde mir wohl zustimmen.

Ich habe oft gezweifelt an meiner Ehe wie davor schon an der Beziehung. Und habe trotzdem Ja gesagt. In der Trennung habe ich mich gefragt: Wie konnte mir das passieren? Ich habe mich selbst und meine Gefühle ignoriert. Oder mir welche schön geredet … Ich habe so lange nichts sehen wollen.

Sogar am Tag der Hochzeit klingelten die Alarmglocken – ich bekam einen Tinnitus. Und doch: Ich habe nichts hören wollen.

Zweifel brauchen Geduld, Zeit, Liebe. Keine Ahnung, warum ich es damals so eilig hatte. Doch eigentlich weiß ich es: Um mich herum haben alle geheiratet und/oder Kinder bekommen – vor allem mein Ex-Freund. Und ich wollte – jetzt kann ich es zugeben: keinesfalls nachstehen. Inzwischen denke ich: Ich muss nicht. Und: Will ich das überhaupt?

Zeit, Geduld und Liebe bringen auch Enttäuschung mit sich. Glücklicherweise ist das gleichzeitig das Ende der Täuschung. Ich lerne: Ich habe nicht einen Falschen geheiratet und einen Richtigen ziehen lassen. Beide Männer waren nicht das Thema. Ich bin es. Jetzt möchte ich Ja sagen. Zu mir. Ganz, ganz laut.

Ich bin eine Tänzerin

„Heut ist Reigen, Tanz ist, Tanz ist, Tanz!
Licht ist heut und Glanz ist, Glanz!
Abschied von Verstand ist, vom Verstand,
Weil die Liebe ganz ist, ganz ist, ganz.“ (Rumi)

Mit drei Jahren habe ich Csárdás getanzt. Mit meinem Opa, er hat mir diesen ungarisch-siebenbürgischen Tanz beigebracht. Das erzählt mir meine Oma oft. Manchmal sagt sie auch, ich hätte zuviel Paprika im Blut – damit meint sie dann nicht das Tanzen…jedenfalls, sagte mein Opa laut meiner Oma zu mir: Ich mache eine Tänzerin aus dir.

An seine Worte kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich kann mich kaum noch an meinen ersten Tanzpartner erinnern. Nicht in Gedanken. Nicht in Bildern. Mein Opa ist gestorben, da war ich noch immer drei Jahre alt.

Mein Körper aber hat ihn nicht vergessen. Meine Hüften, meine Arme und Beine, von meinen Haar- bis in die Zehenspitzen erinnert sich alles noch sehr, sehr gut an meinen Opa. Er hat nämlich Wort gehalten und ich tanze schon mein Leben lang: Jazz, Ballett, Tap, Flamenco, Salsa, Freestyle auf sämtlichen Tanzflächen…

Als meine Ehe in die Brüche ging, habe ich aufgehört zu tanzen. Für eine ganze Zeit war ich genauso zerbrochen. Dann habe ich einen neuen Rhythmus gefunden und wieder angefangen: Bauchtanz, Tribal Belly – meine Lehrerinnen sind Lia, Songül und Josefine.

Im Alter von drei Jahren hat mir mein erster Tanzlehrer ein Heilmittel an die Hand gegeben – und an Arme, Beine, Hüften… an jede einzelne Zelle… an mein Herz. Ja. Ich bin eine Tänzerin.

Die Piratenbraut oder: Ich sehe was

 

a„Ligi, ich zeige es dir so oft, bis du es siehst“, sagte das Leben wieder einmal zu mir. Dieses Mal bei einem Kontrolltermin, den ich kurz davor fast noch abgesagt hätte – ich ahnte, dass ich was hören sollte, was ich nicht hören wollte… Moment. Was. Ist. Das. Meine Ärztin meint ein Loch auf der Netzhaut in meinem linken Auge. Was genau Sie erklärt, kommt nicht mehr bei mir an. Ihre Worte werden zu Vokabeln: Nüchtern. Klinik. OP. Ihre Diagnose zum unangemeldeten Test. Bitte was? Darauf war ich nicht vorbereitet und stehe unter Schock. Fünf Minuten, höre ich mich sagen. Ich brauche fünf Minuten. Nach einem Glas Wasser sitze ich im Taxi unterwegs in die Charité. Den Tag darauf wurde ich schon operiert. Das war im November.

Jetzt heile ich. Meinem Schutz, meinen Ärzten und Schwestern bin ich sehr dankbar. Besonders meiner kleinen Schwester, die bis kurz vor der Narkose meine Hand gehalten hat. So warm und fest, dass ich ruhig atmen konnte. Fast angstfrei. Ganz anders als am Tag davor. Voller Liebe, ich konnte spüren, dass alles gut wird und freute mich auf unser Wiedersehen.

Zurück im Aufwachraum hielt sie noch immer meine Hand, als ich mich weigerte aufzuwachen – ich wollte nur zurück in meinen wunderschönen Traum, aus dem ich so plötzlich herausgerissen wurde. Inzwischen kann ich mich gar nicht mehr an ihn erinnern. Als sie mich am nächsten Tag mit meinem Neffen besuchte, hatte der Kleine eine Piratenbinde auf einem Auge. Bis zu viermal täglich salbte sie mir in den ersten Wochen meine Wunde, weil ich mich nicht traute, in den Spiegel zu schauen. Die Augenkompresse – ja, die trug zwar ich. Doch von uns beiden war eindeutig sie die Piratenbraut.

Meine Augen-OP passierte übrigens fast genau fünf Jahre nach einem Kieferbruch. Damals schickte mir mein Leben ebenfalls eine Botschaft. Die habe ich damals nur nicht sehen wollen. Das sehe ich jetzt. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

 

 

 

Mitten im Happy End

rockyBryan Ferry hat kürzlich in einem Interview erzählt, dass Liebeskummer eigentlich immer schlimmer wird. Und dass er gern ewig leben würde. Beides kann ich unterschreiben. Als meine Patentochter vor ein paar Wochen zu Besuch war, haben wir über Jungs geredet aka Liebeskummer. Und es kamen auch Vampire zur Sprache – siehe ewiges Leben.

Meine Nichte ist 17 und gerade frisch verliebt. Ich bin keine 17 mehr und auch verliebt. Doch er meldet sich nicht. Und weil das so ist, habe ich mehr geredet als meine Nichte. Bei ihr ist die Sache klar. Er meldet sich. Regelmäßig. Täglich. Mehrmals. So wie das mit 17 (meistens) ist – und wie ich es irgendwann mit 67 auch noch gerne hätte.

Ja, ich bin unfassbar romantisch, auch wenn man mir das nicht unbedingt anmerkt. Nur, ich glaube sowieso, dass man die meisten Romantiker nicht als solche erkennt. Und damit meine ich nicht die Rosenblüten-Kerzenschein-Gemeinsam-Baden-Romantiker. Obwohl ich gegen gemeinsames Baden per se nichts habe.

Sylvester Stallone ist ein wirklich romantischer Mann. Davon bin ich beispielsweise fest überzeugt. „Rocky“ (1976) ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich kenne. Stallone hat das Drehbuch dazu geschrieben. Als ich das erfahren habe, habe ich mich auf der Stelle rückwirkend in ihn verliebt.

Was meine Nichte jetzt mit 17 erlebt, hatte ich mit 19. Er schrieb Zettelchen, klemmte welche an den Scheibenwischer von meinem Fiat Panda. Auch wenn wir gestritten haben. Er hatte eine süße Art, sich zu melden.

Der Mann, der sich jetzt nicht meldet, schrieb mir auch. Er und ich haben eine gemeinsame Geschichte. Erlebt haben wir immer nur das Ende. Wiederholt. Später, nachdem ich meiner Nichte von uns erzählte, wurde mir das klar. Vielleicht haben wir ja die Mitte und den Anfang ja noch vor uns?

Oder auch nicht. Alles ist gut. Schließlich stecke ich mitten in meinem eigenen Happy End.

 

 

Das -g in Ligia

Meine Geschwister und ich kurz vor der Ausreise aus Rumänien
Meine Geschwister und ich kurz vor der Ausreise aus Rumänien

Ich weiß noch genau, wie sehr ich mich auf Deutschland freute – mit acht Jahren kam ich mit meiner Familie aus Rumänien hierher. Bis dahin kannte ich die Heimat meiner Familie mütterlicherseits nur aus Päckchen. Ich stellte mir vor, hier wäre alles wie Nimm2 und Nutella und ich würde endlich eine richtige Jeans bekommen.

Am meisten fieberte ich einem Wiedersehen mit meiner Oma Hilda entgegen. Bei ihr wuchs ich auf, bis sie – zwei Jahre vor uns – übersiedelte. Hilda ist eine typische Siebenbürgensächsin, die bis heute an den alten Traditionen festhält. Meine Mutter ist halb Siebenbürgensächsin, halb Ungarin. Mein Opa war ein stolzer Ungar. Er weigerte sich beispielsweise Zeit seines Lebens Rumänisch zu sprechen – meine Oma lernte aus Liebe zu ihm Ungarisch. Mein Vater ist Rumäne.

Bei uns zuhause wurde ein Kauderwelsch aus Siebenbürgensächsisch, Ungarisch, Rumänisch und Deutsch gesprochen. Das änderte sich auch nicht, als wir in Heilbronn in Nordwürttemberg lebten, nachdem wir wie die meisten Spätaussiedler nach Deutschland eingekauft wurden – Ceausescu bekam bis zu 5000DM für jeden von uns.

Es fiel mir nicht schwer, Rumänien zu verlassen. In Heilbronn merkte ich jedoch schnell, dass ich nicht dazugehörte. Die anderen Kinder starrten mich an, fanden, dass ich seltsam angezogen war, komisch sprach, einen altmodischen Schulranzen und ein unmögliches „Schlampermäppchen“ hatte.

Zwar sprach ich schon Deutsch, aber ich hatte diesen sehr eigenen siebenbürgischen Spätaussiedlerakzent, den meine Oma, Tante und Mutter nie abgelegt haben. Glücklicherweise, denn heute ist dieser Akzent ein Stück Heimat für mich, damals aber schämte ich mich einfach nur. Von heute auf morgen hörte ich auf, Rumänisch und Siebenbürgensächsisch zu sprechen und ließ mich fortan bei meinem zweiten Vornamen Dana nennen, weil in Schwaben (fast) niemand meinen eigentlichen Vornamen Ligia aussprechen konnte.

Erst viel später – da lebte und studierte ich bereits in Berlin – dämmerte mir, dass ich mir dadurch Teile meiner Wurzeln, ja meiner Identität, abgeschnitten hatte. Durch das Schreiben fand ich zu meinem ursprünglichen Namen zurück. Natürlich hatte ich damals keine bewusste, reflektierte Entscheidung getroffen – ich war ja erst acht Jahre alt. Heute denke ich, dass ich mich mit dieser kindlichen, unbewussten Reaktion vor der Ausgrenzung und Anfeindung der anderen Kinder schützen wollte. Und trotzdem, auch wenn es mir gelang, mich in Heilbronn einzuleben und zu assimilieren, ganz dazugehörig fühlte ich mich nicht. Der schwäbische Dialekt kam mir nie über die Lippen, ohne sich unecht anzufühlen. Also sprach ich ihn nicht – ähnlich wie mein Opa.

Auch wenn Berlin jetzt mein Zuhause ist und ich diese Stadt über alles liebe, kann ich manchmal noch immer meine Entwurzelung spüren. Kleine Lücken, die sich jedoch immer, immer durch die Liebe der Menschen, die ich hier gefunden habe, schließen lassen. Diese Menschen bedeuten heute Heimat für mich. Zusätzlich zu der, die ich letztlich in mir selbst gefunden habe.